Reise nach Georgien_1Der Tischführer muss Sprüche machen. Viele Sprüche. Und zu jedem Spruch trinken die Gäste. Auf das Vaterland. Auf die Gastfreundschaft. Auf die Toten. Auf die Lebenden. Auf das Essen. Auf das Trinken. Der Tischführer muss nüchtern bleiben und beobachtet von interessiert eine unaufhaltsame Fröhlichkeit … Fröhlich sind sie, die Georgier. Und herzlich. Und gastfreundlich. Dass sie außerhalb von Tiflis kaum eine Sprache mit uns teilen – oder wir mit ihnen – wen interessiert’s. Da hilft, siehe oben,  der georgische Wein. Und der georgische Tresterbrand.

 

Georgien ist das Land der kontrastierenden Reize. Tiflis – eine Stadt die alt aussieht, aber erst vor zweihundert Jahren wieder erbaut wurde. Eine Stadt auf den Mauern großer Festungen. Eine Stadt von einer postsowjetischen Dynamik, wie sie einzigartig ist. Eine Stadt der Künstler, der Lebenskunst – und des Mutes:  mutige gläserne Architektur wirft eine Brücke über den Fluss, ein transparentes Füllhorn zwingt zum Ein-Schreiten und eine Pagode mit vielen Dächern ist nicht durchsichtig, aber das Symbol für Transparenz schlechthin: Im Behördenzentrum erledigt der Bürger alles – vom  Autoanmeldern bis zum Geburtsschein, von der Steuererklärung bis zum Reisepass - und das mit Tages-Garantie.

In Zusammenarbeit mit der Karl-Hermann-Flach-stiftung haben wir  jetzt mit einer 17köpfigen Delegation Georgien besucht und ein Land der Wunder entdeckt. Die Fahrt über miserable  Strassen – auch Schönheit hat ihre Mängel – in den Großen Kaukasus ist atemberaubend, das Panorama weit oberhalb der Baumgrenze spektakulär – Essen und Trinken ganz anders, der Besuch der Höhlenstadt Vardzia eröffnet überraschende Perspektiven.

Am eindrücklichsten  jedoch ist die Hinwendung zu Europa, die enthusiastischer nicht sein könnte.  Seit März 2017 können Georgier visafrei in den Schengen-Raum einreisen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt flaggte jedes zweite Haus die Europa-Fahne. Das  Deutsch-Georgische Jahr hat begonnen – eine flächendeckende Kulturveranstaltung. Der Länderschwerpunkt der internationalen Frankfurter Buchmesse 2018 wird Georgien heißen.  Autoren wie Nino Haratischwili machen das Land  für uns attraktiv. Deshalb waren wir dort. Deshalb reisen wir im nächsten Jahr erneut nach Tiflis. Der georgische Traum hat begonnen. Und damit ist nicht (nur) die Regierungspartei gemeint.

Die israelisch-georgischen Beziehungen sind intensiv und waren letztendlich das Motiv für die DIG, unterstützt von der Karl-Hermann-Flach-Stiftung, nach Georgien zu reisen. Eingeladen wurden wir zum Yom HaShoa durch Izik Moshe, dem Präsidenten der Georgisch-Israelischen Handelskammer, den die Frankfurter DIG-Vorsitzende durch ihr Mandat in der European Alliance for Israel kennengelernt hatte.  Die Stadt Tiflis eröffnete anlässlich des Gedenktages einen Park, mit dem an die „georgischen Schindler“ erinnert werden sollte. Das veranlasste Claudia Korenke zu einem spontanen Redebeitrag über Oskar Schindler,  der nach 1945 verarmt in Frankfurt lebte und hier starb.

Auch die große Synagoge von Tiflis besuchte die Delegation. Sie scheint ein wenig verwaist, sind doch nach dem Ende des Sowjetreiches fast alle georgischen Juden nach Israel ausgewandert, Tatsächlich gibt es zirka 50.000 Israelis mit georgischen Wurzeln, während in Tiflis nur noch wenige Juden leben. Gespräche im Außenministerium, bei der Naumann-Stiftung für die Freiheit und Lokalpolitikern in Gori rundeten dem politischen Teil der hochinteressanten Reise ab.