| "Herr, bewahre uns vor der Politik" |
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In dem folgenden Artikel befasst sich Alice Schwarz mit der aktuellen politischen Lage in Israel und gelangt zu dem - wenig ermutigenden - Fazit, dass man der Tagespolitik im Moment besser fernbleibt. Der jüdische Mann, der die Traditionen befolgt, dankt jeden Morgen im Gebet seinem Schöpfer, dass er ihn nicht als Frau erschuf. Ich danke jeden Morgen dem Schöpfer, kein Mann und kein Politiker zu sein. Politiker, ob Männer oder Frauen, aber besonders Männer in Israel, haben es schwer. Und je mehr sich die allgemeine Situation zuspitzt, desto schwerer wird es. Man wundert sich nur, warum so viele Menschen sich um eine Tätigkeit in der Politik reißen. Die Männer haben es dabei hierzulande noch schwerer, weil sie leichter wegen Sexualvergehen vor Gericht gestellt werden können. Das ist ein Malheur, dem derzeit immer noch fast die halbe israelische Führerschaft ausgesetzt ist. Der Präsident Mosche Katsav wurde diese Woche zum 6. Mal von der Polizei vernommen, diesmal in der Sache von zwei bisher noch nicht berücksichtigten Damen. Und Ex-Justizminister Chaim Ramon vergoss buchstäblich Tränen, als er vor dem Gericht seine spontane Umarmung der angeblich gewaltsam geküssten Soldatin schilderte. Sie habe ihn seinem Gefühl nach durch Bemerkungen und Annäherung richtig "angebaggert". "Ich habe mich geirrt, aber keine Gewalt angewendet, sie schien mit mir flirten zu wollen", wehrte sich vor den Richtern feuchten Auges der qualvoll bedrängte Politiker. Sehr peinlich. Ramon meint die Polizei sei hinter ihm her. Ein Foto nach dem Kuss zeige sie lachend und scheinbar ganz unbeschwert, nicht im angeblichen Schock. Der Ermittler habe im Verhör dazu gesagt, in ihren Augen läge ein "bedrängtes Funkeln..." Na wirklich. Aber auch davon abgesehen ist die Politik ein undankbares Geschäft. Die Posten, nach denen die Politiker vor allem lechzen, zum Beispiel das Amt des Ministerpräsidenten oder das des Verteidigungsministers, sind die schwersten, di undankbarsten, die unmöglichsten und mit einer Verantwortung verbunden, die fast untragbar ist. Und doch rennen sie dieser Ehre nach. Und wenn sie an gelangt sind, wollen sie sich um jeden Preis an ihrem Sitz festhalten. Dem Ministerpräsidenten Ehud Olmert geht es zurzeit relativ gut, er hat sich von der täglichen Höllenplagein Israel n ach den USA abgesetzt, wo für ihn in Washington und Los Angeles der Himmel voller Geigen hängt. Der Terminkalender strotzt von freundlich gesinnter Prominenz. Einige seiner Minister, wie Außenministerin Zipi Livni, die als Frau und Diplomatin ohnehin einen Vorzug genießt, begleiten ihn bei diesem Gastspiel. Schonfrist bis zur Heimkehr. Die Daheimgebliebenen haben inzwischen ihr volles Maß an Sorgen und "Zores" zu tragen. Die gegenwärtige Sicherheitslage im westlichen Negev ist ein Musterbeispiel für ein fast nicht zu bewältigen des Dilemma. Das hält das Publikum nicht davon ab, eine sofortige Patentlösung zu verlangen. Doch was tun? Antwortet Israel auf den ständigen, nicht nur die Nerven, sondern auch Menschen tötenden Kassam-Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen mit Gewalt, so kommen tragische Pannen vor; wie in Beit Hanun, wo 18 Zivilisten den israelischen Bomben erlagen. Tut man nichts, so droht ein Aufstand der israelischen öffentlichen Meinung. Der Fall von Beit Hanun hat der beschädigten israelischen Image im Ausland einen weiteren Tiefschlag versetzt. Das Europaparlament hat die israelischen Militäroperationen im Gaza-Streifen und den palästinensischen Raketenangriff auf Sderot verurteilt. Die Abgeordneten kritisierten am Donnerstag in Straßburg allerdings Israel in schärferer Form. Das israelische Vorgehen in Beit Hanun im Gaza-Streifen, wo am Mittwoch vergangener Woche bei einem Angriff 18 Zivilisten starben, sei "zutiefst empörend", hieß es in einer fraktionsübergreifenden Entschließung. Die Maßnahmen der israelischen Armee seien "unverhältnismäßig" und "be3einträchtigen alle Versuche, den Friedensprozess in Gang zu bringen". Die israelische Regierung wurde aufgefordert, ihre Operationen in Gaza "unverzüglich einzustellen". Gleichzeitig wurden die Palästinenser aufgefordert, den Abschuss von Raketen auf israelisches Territorium zu stoppen und auf eine weitere Eskalation des Konflikts "zu verzichten". Dieser schwere "Verzicht" wird leise und höflich verlangt, während inzwischen in Sderot von einer Evakuierung der Frauen und Kinder gesprochen wird. Nein, ich möchte kein Politiker sein, auch wenn sich herausstellt, dass sie zufällig "Menschen sind wie wir" und zuweilen auch ohne Prozess öffentlich Tränen vergießen. Verteidigungsminister Amir Peretz, dessen Popularität sich auf einer Tiefsee-Ebene bewegt, hat bei mir einige Punkte gewonnen, als auch er bei dem Malheur von Sderot geweint hat. Die Tote Faina Slutzker, 57, war ja eine Bewohnerin seiner Stadt, eine Altenpflegerin im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms, die mit ihrem Mann Michael vor drei Jahren aus Russland zu ihren Kindern und Enkeln n ach Israel kam. Und der Schwerverletzte, Maor Peretz, 24, war zwar kein V erwandter des Verteidigungsministers trotz des gleichen Namens, aber doch ein Leibwächter des Ministers und gerade beim Wachrundgang um dessen Haus, als die Rakete fiel. Einige Tränen war das Amir Peretz wert, und er hat es bestimmt ernst gemeint und ernsthaft geweint. Und was soll er jetzt machen? Soll er nichts tun und den Zorn der Bewohner von Sderot hinunterschlucken oder einen weiteren Beit Hanun-Angriff riskieren? Damit vielleicht wieder ein Panne riskiert und der Chor der Israel-Beschimpfer im Aisland weiter anwächst? Wir gewöhnlichen Bürger können uns höchstens bis zur Weißglut ärgern, wenn wir etwa in der "Jedioth Achronoth" in einem Artikel von Eldad Beck lesen müssen, das 25 herausragende deutsche Politologen laut der "Frankfurter Rundschau" fordern, Israel härter anzufassen. "Freundschaft und Kritik" lautet der Titel des Aufrufs üb er eine ganze Seite, und darunter: "Warum die besonderen Beziehungen " zwischen Deutschland und Israel überdacht werden müssen". Notwehr, die manchmal aus dem Geleis läuft, wird offenbar ausgelegt als Verbrechen. Beck: "In einem präzedenzlosen Schritt haben 25 hochrangige Akademiker in Deutschland einen Aufruf an ihre Regierung zum Überdenken ihrer warmen Umarmung Israels und zum Gleichziehen gegenüber den Palästinensern gefordert." Kein Wunder, dass Beck sofort auch betont, die "Frankfurter Rundschau", die Israel sehr kritisch gegenüber steht, gehöre dem Verlag "DuMont Schauberg", der kürzlich 25% der Aktien der Gruppe "Haaretz" erworben hat. ("Jedioth" und "Haaretz" sind scharfe Konkurrenten.) Gibt es überhaupt keine Aussichten für eine Lösung? Unterhalb der politischen Ebene sieht vieles anders aus. So besuchte eine Redaktionsmitarbeiterin dieser Tage eine Bekannte aus dem Gazastreifen im Ichilow-Krankenhaus, deren kleine Tochter wegen eines schweren Nierenleidens dort bestens und hingebungsvoll behandelt wird. Inzwischen wurden dort auch Verletzte aus Beit Hanun eingeliefert, und der Vater des entführten Soldaten Gilad, Noam Schalit, hat sie besucht und mit ihren Angehörigen gesprochen. Schalit ist am 25. Juni in den Gazastreifen entführt worden. "Wir sind alle Opfer desselben Wahnsinns, derselben unaufhörlichen und irrationalen gewaltsamen Kämpfe", erklärte Schalit. Er habe bei seinem Besuch im Krankenhaus bewusstlose verletzte Kinder gesehen. "Sie zahlen den Preis dieser überflüssigen Kriege." Gewalt und Gegengewalt schaffe "einen endlosen Kreislauf des Hasses, den wir durchbrechen müssen". Rassan Ghassan, dessen Bruder bei dem Angriff in Bet Hanun getötet wurde, dankte Schalit für den Besuch. "Es schmerzt uns von Herzen, wenn wir sehen, dass sein Sohn leidet, so wie wir leiden." Die Zivilbevölkerung beider Seiten zahle den Preis für den Konflikt. Er hoffe auf eine baldige Heimkehr Schalits, betonte Ghassan. Wo befindet sich ein Politiker, der hilft, diesen Hass auszuräumen und das Licht der Vernunft anzuzünden? Ein solcher Politiker wäre man gerne. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. In der Zwischenzeit bleibt man der Tagespolitik lieber fern. |