| "Ich bin ein Siedler" - Vortrag von Dr. Itzhak Kandel im Frankfurter Presse-Club am 17.06.2004 |
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Trotz Fußball-Europameisterschaft und sommerlicher Hitze kamen etwa dreißig Besucher zu dem Vortrag von Dr. Itzhak Kandel in den Frankfurter Presse-Club. Die Veranstaltung unter dem Titel "Ich bin ein Siedler" ließ auf eine kontroverse Diskussion hoffen. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Vor etwa zwanzig Jahren förderte die damalige Likud-Regierung den Bau von Siedlungen in den besetzten Gebieten und vergab hierzu Land zu verhältnismäßig günstigen Preisen in Erbpacht. Gleichzeitig mussten sich die Siedler verpflichten, das Land wieder zu räumen, sollte die israelische Regierung den Rückzug aus den besetzten Gebieten beschließen. So entschied sich auch Dr. Kandel für das Wohnen in einer neuen Siedlung auf der anderen Seite der Green Line, in Samaria. Zusammen mit achtzig gleichgesinnten Familien wurde eine kleine Siedlung in der Nähe der palästinensischen Stadt Kalkilya gegründet. Die nächste größere Stadt im israelischen Kernland ist Kfar Saba am nördlichen Rand des Ballungsraums Tel Aviv. Nach nicht einfachen Aufbaujahren formten überwiegend schmucke Einfamilienhäuser eine Ortschaft, wo man sich - anders als in der Großstadt - noch kannte und die Kinder unter guten Bedingungen aufwuchsen. Man kann auch von einer "Schlafsiedlung" sprechen. Während des Tages geht man seiner Beschäftigung im nahen Tel Aviv oder in einer der Vorstädte nach; die Kinder besuchen die zentrale Schule in einem Nachbarort. Maßgeblich für die Entscheidung von Dr. Kandel in einer Siedlung zu leben, war der Wille, einen Beitrag für die Sicherheit des Staates Israel zu leisten. Denn man müsse sich immer vor Augen halten, dass Israel an seiner engsten Stelle - nördlich von Tel Aviv - nur etwa 15 km breit sei. Er befürchtete damals, dass Israel von einem arabischen Angriff geradezu überrollt werden könnte - eine Befürchtung, die angesichts der zahlreichen Kriege mehr als nachvollziehbar ist. Dr. Kandel betont, dass für den Bau seiner Siedlung - wie auch für den Bau der anderen Siedlungen - kein Palästinenser sein Land verlor. Am Anfang sei das Verhältnis zu den Palästinensern meist sehr gut gewesen. Er selbst sei regelmäßig nach Kalkilya zum Einkaufen gefahren und habe dort mehrere Freunde gehabt. Mit dem Ausbruch der ersten Intifada habe sich das aber schlagartig geändert. Dr. Kandel erinnerte sich, wie er danach noch einmal in Kalkilya war. Dort habe ihn ein Ladenbesitzer, der mit ihm befreundet war, gebeten: "Verschwinde bitte und komm nie mehr wieder. Die bringen mich um, wenn sie sehen, dass ein Israeli bei mir einkauft". Seitdem gibt es keinen Kontakt mehr zwischen den Siedlern und den Palästinensern. Die Siedler pendeln täglich in den Großraum Tel Aviv, oder fahren in größere Siedlungen, um dort einzukaufen oder zu arbeiten. Dr. Kandel selbst ist Dozent am College - einer Art Fachhochschule - in Ariel, der mit mehr als 20.000 Einwohnern größten Siedlung im Westjordanland, wo etwa 4.000 Studenten eingeschrieben sind. Dr. Kandel steht einer Räumung von Siedlungen sehr kritisch gegenüber. Auch gegen den geplanten Rückzug Israels aus dem Gazastreifen hat Dr. Kandel Vorbehalte. Ein solcher Rückzug hätte für Israel zwar Vorteile, doch wie sollte Israel reagieren, falls - was nicht ganz unwahrscheinlich ist - Hamas, Dschihad oder andere Terrorgruppen im Gazastreifen die Macht ergreifen sollten?. Dr. Kandel bezweifelt, dass bei einem israelischen Rückzug Raketenangriffe und Waffenschmuggel ausgeschlossen werden könnten. So hat er auch bei der Urabstimmung der Likud-Mitglieder gegen den Abkoppelungsplan von Premierminister Sharon gestimmt. Für ihn leisten die Siedlungen einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit Israels. Dennoch wäre er bereit, seine Siedlung zu verlassen, wenn ein Rückzug Israels in demokratischer Weise beschlossen würde. Aber seiner Auffassung nach könnte Israel solche Zugeständnisse erst dann machen, wenn es bei den Palästinensern einen Partner gibt, der die Sicherheit der israelischen Bevölkerung gewährleistet und der willens und in der Lage ist, Vereinbarungen mit Israel auch in die Tat umzusetzen. Für Dr. Kandel ist die Autonomiebehörde unter der Führung von Yassir Arafat kein geeigneter Ansprechpartner. Arafat habe keinerlei Erfolge vorzuweisen, insbesondere habe sich die Situation der Palästinenser nicht verbessert. Statt dessen habe sich Arafat persönlich bereichert und die Terrororganisationen finanziell unterstützt. Dr. Kandel verwies in diesem Zusammenhang auf die Verhandlungen von Camp David im Jahr 2000. Dort habe sich Israel zu sehr weitreichenden Zugeständnissen an die Palästinenser bereit erklärt. So hätten die Palästinenser über 90 % der besetzten Gebiete erhalten können, und im Interesse des Friedens hätte Israel sogar Souveränität über Ost-Jerusalem abgegeben. Die Antwort der Palästinenser sei die zweite Intifada gewesen, der bisher schon Hunderte Israelis zum Opfer gefallen sind und die auch die Lebensbedingungen der Palästinenser verschlechtert hat. Dr. Kandel hält nicht viel von einer Beteiligung ausländischer Staaten im Nahostkonflikt. Der Kampf gegen den palästinensischen Terror sei ein Problem, dem sich Israel allein stellen müsse. In diesem Zusammenhang kritisiert Dr. Kandel, dass die Autonomiebehörde trotz ihrer Unzulänglichkeit von der Europäischen Union großzügig unterstützt wurde. Beim Publikum stieß Dr. Kandel mit seiner Auffassung auf teilweise erheblichen Widerspruch. Ein junger Israeli wies darauf hin, dass die Verteidigung der Siedlungen für die dort eingesetzten israelischen Soldaten ein erhebliches Risiko mit sich bringe. Um etwa hundert Siedler zu schützen, müssten tausend Soldaten tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzen. Er sprach sich vehement für einen einseitigen Rückzugs Israels aus den besetzten Gebieten aus. Er wünscht sich, dass er auch in zehn Jahren noch in einem demokratischen - wenn auch kleinen - Rechtsstaat leben kann, der seine Nachbarn nicht unterdrückt. Dem entgegnete Dr. Kandel, dass dies auch sein Wunsch sei, doch stehe für ihn nicht die Situation in zehn Jahren im Vordergrund. Entscheidend sei für ihn, wie der palästinensische Terror heute wirksam bekämpft werden kann. Die Diskussion hat gezeigt, dass die israelische Bevölkerung tief gespalten ist, wenn es um die Lösung des Nahostkonflikts geht. Doch so konträr die geäußerten Meinungen auch sind, über eines sind sich alle einig: Am Ende des Konflikts muss eine Lösung stehen, die ein Zusammenleben von Israelis und Palästinensern sichert. Oder, wie Dr. Kandel es ausdrückte: "Mein jüngster Enkel ist jetzt fünf Jahre alt. Mein größter Wunsch ist, dass er nicht mehr zum Militär muss, um Israel zu verteidigen." |
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