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Sonntag, 5. Februar 2012 (12. Shevat 5772)
Eine Nachlese zum Vortrag von Abraham ben Shoshan im Frankfurter Presse-Club am 12.01.2004

Die hiesige Deutsch-Israelische Gesellschaft nutzte den Besuch von Abraham Ben Shoshan in Frankfurt und lud den Chef der Tel Aviv Foundation zu einem Vortrag in den Presse-Club ein. Trotz anhaltenden Regens und sogar einer Unwetterwarnung konnten ein sichtlich gut gelaunter Gast und der Veranstalter erfreulich viele Besucher begrüßen.

Der Sturz des Regimes von Saddam Hussein markiert nach Einschätzung Ben Shoshans einen Wendepunkt für den Nahen Osten. Offenbar unter dem Eindruck des entschlossenen Vorgehens der Amerikaner und ihrer Verbündeten zeigt sich beispielsweise Nachbar Syrien über Probleme gesprächsbereit, die wie der Golan das Verhältnis zu Israel belasten. Libyens Gadaffi ist offenbar bereit einzulenken und an einer Verbesserung der Beziehungen zum Westen interessiert. Das sind positive Signale in einer offenkundig brisanten Situation, die von Israel aufgenommen und getestet werden sollten. Ben Shoshan - ehemaliger Stabschef der israelischen Marine, Militärattaché in Washington, Staatssekretär im Arbeits- und Sozialministerium - ist kein Politiker und braucht daher, wie er sagt, keine Rücksicht auf Wählerstimmen zu nehmen. Natürlich kennt er aber das politische Geschäft und seine Akteure bestens.

Im Zuge des Friedensprozesses hätten die Palästinenser alle Chancen gehabt, von Israel weitest gehende Zugeständnisse zu erreichen. Allerdings könne es kein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge geben. Da kennt der Israeli keinen Kompromiss. Auch seine Beurteilung Arafats ist unmissverständlich; der werde nie die Macht abgeben, nie die Kontrolle über zehn ihm ergebene Geheimdienste mit 100.000 Mitarbeitern, auch nicht den Zugriff auf ergiebige Geldquellen. Kein Verhandlungspartner, nur Hindernis auf dem Weg zum Frieden. Allerdings habe Sharon den Amerikanern versprochen, Arafat am Leben zu lassen.

Der Ex-Admiral setzt auf demokratische Wahlen im Autonomiegebiet und die Etablierung von staatlichen Organen, die sich gegen die bestehenden terroristischen Strukturen durchsetzen und erfolgversprechende Verhandlungen mit Israel ermöglichen. Wie die Mehrheit der Israelis träumt er nicht von einem Groß-Israel. Dafür sorgt schon die absehbare demographische Entwicklung, wenn zwischen Jordan und Mittelmeer von hundert geborenen Kindern 60 arabischer und nur 40 jüdischer Herkunft sind. Die Palästinenser werden also einen eigenen Staat haben; israelische Siedlungen müssen aufgegeben werden. Für ein Festhalten an Gaza gibt es keine triftigen Gründe. Der künftigen Status von Jerusalem muss ausgehandelt und ein Kompromiss gefunden werden. Ben Shoshan ist überzeugt, dass Regierungschef Sharon die notwendige parlamentarische Mehrheit finden und auch für Israel schmerzliche Lösungen umsetzen kann.

Andererseits befürwortet ben Shoshan den Bau des Sperrzauns zwischen Israel und den besetzten Gebieten, wobei er betonte, dass es sich nicht - wie von den Palästinensern behauptet und von den deutschen Medien oft kritiklos wiedergegeben um eine "Mauer" handele. Durch den Zaun seien nachweislich Anschläge verhindert und somit Leben gerettet worden.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und seinem Heimatland haben für Ben Shoshan einen hohen Stellenwert. Er erinnert in diesem Zusammenhang an Zeiten, in denen von den europäischen Ländern allein Deutschland und Holland verlässliche Freunde waren. Auch jetzt könne Deutschland mit eigenen Initiativen auch ohne Unterstützung durch andere EU-Länder zu friedlichen Lösungen im Nahen Osten beitragen.

Die Belastungen durch die Intifada schaden der israelischen Wirtschaft - speziell dem Tourismus - sehr. Hohe Arbeitslosigkeit, tiefe Einschnitte im sozialen Netz und zunehmende Armut unter der Bevölkerung - in Tel Aviv etwa 30% - sind die Folge. Der Generaldirektor der Tel Aviv Foundation nennt dazu eine Zahl: seine Organisation gibt täglich 8000 Mahlzeiten an Kinder aus, fast zehn mal so viel wie vor einigen Jahren.

Bei der Tel Aviv Foundation handelt es sich um eine 1977 gegründete Organisation, die dem Gemeinwohl der Einwohner von Tel Aviv - Jaffa verpflichtet ist. Seitdem wurden mit ihr als Partner dank weltweiter großzügiger Unterstützung mehr als 300 Projekte verwirklicht: im Gesundheits- und Bildungswesen, für Neueinwanderer, Jugendliche und Senioren, Theater, Museen, Synagogen, Parkanlagen. In den letzten schweren Jahren mussten bauliche Projekte zurückstehen, Förderung von Ausbildung und Hilfen für Bedürftige, besonders auch Behinderte, hatten Vorrang. Beispielhaft wird die geniale Idee des "Café Europa" genannt. Es geht dabei um Einrichtungen, die sich an Überlebende des Holocaust - in Tel Aviv mindestens 20.000 - wenden, die oft einsam, krank und in ärmlichen Verhältnissen leben. Es sind Treffpunkte, wo man von Psychologen betreut mit Menschen mit ähnlichem Schicksal reden und Erfahrungen austauschen kann. Mit relativ geringem finanziellen Aufwand wird erreicht, dass Not leidende Menschen sich besser fühlen und mit weniger direkter Betreuung im Alltag zurecht kommen.

Die Tel Aviv Foundation ist überzeugt, dass sich Menschen auch über Ländergrenzen hinweg am besten näher kommen, wenn konkrete Projekte verwirklicht werden. Auf diese Weise könnten auch in die Jahre gekommene Strukturen wie Städtepartnerschaften, die Tel Aviv-Jaffa weltweit mit 54 Kommunen, darunter auch Frankfurt, verbinden, wieder mit mehr Leben erfüllt werden.

Die Besucher des sehr anregenden, informativen Abends nutzten last not least die sehr ansprechenden Räumlichkeiten des Presse-Clubs zu Meinungsaustausch und Näherkennenlernen und konnten wie vom Gastgeber Deutsch-Israelische Gesellschaft angekündigt mit einem Glas Sekt noch auf ein glückliches, friedliches Neues Jahr anstoßen!

 
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