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Nichts ist schwieriger in Israel als eine Meinung zu äußern, einen Standpunkt zu vertreten, einen Beschluss zu fassen und schon gar ihn durchzuführen. Der Israeli lebt ständig zwischen Höhenflug und Depression, zwischen Euphorie und Verzweiflung. Es geht ihm am besten, wenn er Augen und Ohren vor der Tagespolitik verschließt und sich in einen engen Privatkreis zurückzieht. Außer natürlich es geht ihm auch dort schlecht.
Aber wer kann schon vor der Politik Augen und Ohren verschließen in einer Welt der Fernseh- und Radiosendungen, der Zeitungen, des Internet und des Straßenklatsches? Wer kann sich den Luxus einer Selbsteinkapselung erlauben? (Von den professionellen Leitartikelschreibern, die alles wissen müssen, einmal ganz zu schweigen.) Und so geht es denn weiter auf der Berg- und Talbahn namens Leben in Israel.
Ein Musterbeispiel war dieser Dienstag und Mittwoch. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch war etwas so Simples geschehen wie ein Fußballspiel, in dem allerdings ein arabisches Team aus einem Ort in Galiläa den Landespokal im Judenstaat gewann. Damit wird erstmals ein arabisches Team den Staat Israel bei dem Turnier um den UEFA-Pokal vertreten. Ein Sieg eines arabischern Teams über ein jüdisches im Finale - eigentlich kein besonderer Grund zur Freude für die jüdischen Patrioten, sollte man meinen? Wo doch der nationale Ehrgeiz -laut dem berühmten Mantra "zum ersten Mal seit 2000 Jahren" - eher verletzt sein sollte? Doch ganz abgesehen davon, dass auch jüdische Spieler in dem Klub mitspielen, der auch einige ausländische Verstärkermitglieder hat, sah jede letzte Schlafmütze die ungeheure Bedeutung dieses Vorkommens ein. Denn wie der Vorsitzende des israelischen Fußballverbandes IFA, Itche Menachem, so richtig sagte, zeigte sich hier ein Beispiel von Ko-Existenz. Es könnte der ganzen Welt zum Vorbild dienen, sagte er. "Ein Team, das aus Juden, Christen, Moslems und Ausländern besteht und eine arabische Stadt vertritt, sollte als Brücke zum Frieden dienen", freute sich Menachem. "Ich würde mir nur wünschen, dass die ganze übrige Welt heute hier gewesen wäre, um das mit zu erleben".
Aber die ganze übrige Welt war nicht hier. Sie saß bei sich zu Hause und schlief. Sie erfuhr auch gar nichts von der riesigen Euphorie, die Israel und seine Medien für einen kurzen Tag oder vielmehr nur eine kurze Nacht erfasst hatte. Sie, die übrige Welt, sah nicht den 4:1-Sieg von Bnei Sachnin über Haifa Hapoel, zum stolzen Jubel der israelischen Araber, wobei der jüdische Staatspräsident Mosche Katzav am Schluss den arabischen Kapitän der Siegermannschaft Abbas Suan den Pokal überreichte. Einige der arabischen Sportler sangen am Schluss zwar nicht die Nationalhymne Hatikwa mit, und die arabischen Fans, die mehr als ein Drittel der 35.000 Zuschauer im Stadion stellten, begleiteten das Ereignis mit dröhnenden "Alahu Akbar"-Sprechchören, die sonst eher als bedrohlicher Kriegsruf gelten. Aber einige der arabischen Spieler griffen sich am Schluss doch die Israelflagge mit dem blauen Judenstern und rannten mit ihr ein paar Ehrenrunden auf dem Spielfeld. Keinerlei ausländische Pressesender haben das meines Wissens nach gesendet. Auch bei den Nachrichtenagenturen, die sich sonst in ellenlangen Sportberichten ergehen, war kein Wort von alledem zu lesen. Passt es ihnen etwa nicht in das stereotype Bild von der israelischen "Apartheid"?
Wohl aber wandten sich alle Blicke sehr schnell der Tragödie im Gazastreifen zu, wo israelische Geschosse in eine kompakt und scheinbar bedrohlich anmarschierende Protestmenge fielen. Mehrere Menschen wurden getötet sowie andere verletzt. Prompt erhob sich in aller Welt ein gewaltiges Protestgewitter. Obwohl Israel die Umstände untersucht und zu klären versprach und sich für eventuell auch unschuldig vergossenes Blut ernstlich entschuldigte, erfolgte eine strenge Verurteilung. Sogar die USA ließen diesmal Israel allein ohne Deckung am Pranger stehen.
Dabei hatte der Tag doch so schön begonnen. "Mabruk" - auf Arabisch mit hebräischen Buchstaben, beglückwünschte "Jedioth Achronoth", die auflagenstärkste Zeitung Israels, das arabische Fußballsiegerteam der "Bnei Sachnin" (Söhne von Sachnin) zur "historischen Errungenschaft". "Sachten Sachnin!" lautete eine andere begeisterte Überschrift. "Es gibt eine Hoffnung!" betitelte Zuhir Bahalul in dem hebräischen Blatt seinen Seite-1-Kommentar. Mitten im jüdischen Land habe ein arabischer Karneval der Freudentänze stattgefunden. Das Bild eines schwarzhäutigen ausländischen Mitspielers mit einer arabischen Kefija und dem Pokal auf dem Kopf schmückte die Zeitungen. Es wäre zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein.
Die große Versöhnung im Zeichen des runden Leders ist noch nicht angebrochen. Am Mittwoch war im Gazastreifen ein voller, blutiger Krieg im Gange. Trotz der scharfen Ermahnung durch die UNO und die gesamte Welt wird Israel nicht so schnell die Waffen strecken können - wenn es sich auch wegen der Verluste an zivilen Menschenleben entschuldigte.
Denn worum es im Gazastreifen geht, ist nicht - wie von ausländischen Kommentatoren unterstellt - ein heimtückisches Ränkespiel des bösen Ariel Scharon. Die Armee erhielt vielmehr die verlässliche Information, dass in den letzten Tagen große Mengen von Anti-Flugzeug-Waffen, Schulterraketenwerfer des Sagger-Typs und Langstreckenraketen auf der ägyptischen Seite von Rafah angeliefert wurden. Sie warten auf die Beförderung durch die Schmugglertunnel nach Israel. Ein gewaltiges, gefährliches Terror-Arsenal liegt vor der Tür.
Was dort vor sich geht, ist schon längst nicht mehr nur ein Krieg gegen Israel aus nationalen und religiösen Gründen. Eine Millionenindustrie der Vernichtung ist entstanden. Es handelt sich um fette Mega-Geschäfte von Waffenhändlern und Schmugglern. Als die "Operation Regenbogen" begann, hatte Israel Informationen, dass auch nach der Zerstörung vieler Tunnel immer noch drei oder vier in Betrieb sind. Die Waffen stammen von der Hisbollah und aus dem Iran und sie sollen nicht nur in den Gazastreifen, sondern auch in das Westjordanland geliefert werden. Die blutigen Folgen für die israelischen Städte und Ortschaften, die in dieser Nacht noch ahnungslos den "gemischten" Fußballsieg als Hoffnungsschimmer feierten, liegt auf der Hand.
Der Krieg wird so lange weitergehen, bis die Gefahr einigermaßen behoben ist, sagte Verteidigungsminister Schaul Mofas. Danach wird Israel alles daran setzen, den Gazastreifen zu räumen. Bis dahin geht die Nervenschaukel zwischen Hoffnung und Bedrücktheit weiter. "Hoffen wir auf Hoffnung!"
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