| Ariel Sharon - Vater der Nation |
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Israels Ministerpräsident Ariel Sharon liegt seit Anfang des Jahres nach mehreren Notoperationen im Koma. Dass er jemals wieder in der Lage sein wird, sein Amt auszuüben, ist unwahrscheinlich. Die bevorstehenden Parlamentswahlen sind damit völlig offen, und niemand weiß, wie der Friedensprozess im Nahen Osten ohne Sharon weitergehen soll. Alice Schwarz berichtet über das Bangen um Sharon und die Ratlosigkeit, die zurzeit herrscht. "Sharon schien unsterblich. Bis Mittwoch".Es war ein schwarzer Mittwoch. Und ein trüber Donnerstag. Ein Donnerstag des Donners wahrhaftig. Israel bangte um seine Vaterfigur. Er mag auch Gegner haben, aber die meisten erkannten nun plötzlich seine Riesengestalt. Kein Wunder, dass der gefällte Gigant im Hadassah-Hospital Ein Keren einen gewaltigen Schatten über das ganze Land warf. Ariel Sharon - an der Grenze zwischen Leben und Tod. Und dabei hatte es so gut ausgesehen. Der erste Schlaganfall verlief glimpflich. Die Umfrageergebnisse für Sharon und Kadima stiegen weiter. Mehr als 40 Knesset-Mandate hätte er bei den kommenden Wahlen erringen können, hieß es noch vor wenigen Tagen. Und jetzt? Steht und fällt Kadima mit ihrem Erfinder Sharon? Der Mega-Schatten der Sorge verdichtete sich angesichts der Tatsache, dass niemand in der politischen Szene Israels auch nur halbwegs an Sharons Statur heranreicht. Und wenn, wie auf Seite eins ausgeführt, Sharon auch im Falle einer Erholung nicht mehr als Ministerpräsident amtieren kann, ergibt sich die schwere Frage der Nachfolge. Wer kann den Vater der Nation ersetzen? Bisher hat man vor dem Problem die Augen verschlossen. Das ganze Land, soweit es pragmatisch und einsichtsvoll ist, sah in Sharon die einzige Alternative bei den kommenden Wahlen. Ihn dachte man sich auf der Steuerbrücke des Staatsschiffs als Kapitän. Man steckte in Bezug auf sein Alter und seine Gesundheit und sein Übergewicht den Kopf in den Sand. Sharon schien unsterblich. Bis Mittwoch. Gegen 5:30 Uhr morgens am Donnerstag verließ nach einer durchbangten Nacht Scharons Leibarzt, Professor Bolek Goldman, das Hadassah-Hospital Ein Keren. Er war in Gesellschaft des Kabinettssekretärs Israel Maimon und von Scharons politischem Berater, Erez Halfon. Die ernsten Gesichter sprachen Bände. Goldman hatte am Mittwoch gesagt, dass Sharon seiner Ansicht nach die Operation gut überstehen werde. Gissin betonte, dass die Staatsgeschäfte auch ohne Sharon weiterlaufen. "Ein Staat wird nicht nur von den Spitzenkräften geführt. Die Ministerialdirektoren, die Ministerien, alle Beamten funktionieren - ob es das Verteidigungsministerium, das Finanzministerium, das Außenministerium oder das Innenministerium ist - es gibt kein Machtvakuum in einem demokratischen Land wie Israel." Ein Trost und doch kein Trost. Der Mensch lebt nicht von Brot und Bürokratie allein. "Der Ministerpräsident hat viele Schlachten geschlagen und er hat sie alle überlebt", beruhigte Gissin seine Zuhörer vor dem Hospital. "Er wird auch diese Schlacht überstehen." Aber wie? Laut Fernsehkanal Zwei erlitt Sharon Lähmungen in der unteren Körperhälfte. Analytiker sagen, sein Leben sei in Gefahr. Die Ärzte bezeichneten seinen Zustand als "ernst, aber stabil". Was für ein Abend, was für eine dramatische Nacht! Die Ungewissheit, die Spannung! Die ununterbrochenen Live-Sendungen des Fernsehens - aller Sender - und des Radios! Die verschlossenen Gesichter der Ärzte, die in großen Abständen aus dem Hospital herauskamen und kurze Bulletins über Scharons Zustand verlasen! Nie wird man das vergessen. Es reichte heran an andere dramatische Nächte des Wartens auf schicksalsschwere Entscheidungen. An dramatische Situationen in Scharons und unserem Leben, so als wir auf Nachrichten warteten, während er am Suezkanal 1973 das Land rettete. Aber damals wurde die lähmende Ungewissheit von der erlösenden Erfolgsmeldung abgelöst. Diesmal, im Kampf gegen die Krankheit, sah es weniger ermutigend aus. Nach einer Fernsehmeldung hatte Scharon zuerst gar nicht ins Hospital fahren wollen. Er fühle sich gut genug, um zu Hause zu bleiben. Erst bei der Ankunft im Krankenhaus stellte sich der ganze Ernst der Lage heraus. Erst angesichts der notwendigen Totalnarkose sahen sich Maimon und Rechtsberater Meni Masus genötigt, die Vollmachten Scharons auf seinen Stellvertreter Ehud Olmert zu übertragen. Wenn er nicht amtsfähig ist, wird es eine Reihe von Kandidaten für seine Nachfolge auf der Kadima-Liste für die Knessetwahlen geben. Außer Olmert noch Justizministerin Zipi Livni, Verteidigungsminister Shaul Mofas und vielleicht sogar der ehemalige Ministerpräsident Schimon Peres. Sie alle reichen nicht an Sharon heran - sind aber in den Augen vieler immer noch weitaus besser als Benjamin Netanyahu von der rechtslastig gewordenen Likud-Liste und Amir Peretz, der außen- und sicherheitspolitisch unerfahrene Gewerkschaftsboss mit dem Linksdrall. Es ist schwer, sich die Politik ohne Sharon vorzustellen. In den letzten fünf Jahren war er die stärkste und dominanteste Figur in der israelischen Politik. Sogar die europäischen Medien, die ihn als "Hardliner" verschrien und die Schuld an der Intifada anzulasten versuchten, begannen ihn zu schätzen. Er war die herausragendste Gestalt seit David ben Gurion, schrieb ein Blatt. Werden Wähler der Arbeitspartei und des Likud, die jetzt Kadima wählen wollten, "nach Sharon" zu ihren alten Fraktionen zurückkehren? Das wird sich zeigen. "Vom Schock zur Trauer" titelte eine Kommentatorin der "Jedioth Achornoth". Jeir Lapid fiel aber empfahl ebendort: "Einfach nur beten." Die Gerüchte seien widersprechend gewesen, die einen meinen, er erhole sich, die anderen sagten ihn schon tot. Aber eines sei sicher. Gekommen sei die Zeit zum Beten. "Das Gebet gilt nicht nur einem Mann, sondern auch einem Land." Der frühere Hirnschlag Scharons war der Wink, jetzt habe die "wirkliche Vorstellung" begonnen. Es sei auf jeden Fall unmöglich, dass er bald wieder zu amtieren beginnt. "Und das erinnert uns nicht nur an die relative Zerbrechlichkeit eines nicht gesunden 78-jährigen, sondern auch an unsere fast erschreckende Abhängigkeit von ihm. Israel wird auch ohne Sharon bestehen. Aber es wird ein anderes Land sein." |
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