DIG Arbeitsgemeinschaft Frankfurt
Startseite arrow Aktuelles arrow "Israel Nachrichten" arrow Die Routine des Terrors und der Vogel Strauß
 
Sonntag, 5. Februar 2012 (12. Shevat 5772)
Die Routine des Terrors und der Vogel Strauß

Ausgerechnet einen Tag vor dem Jahrestag des unseligen 11. September 2001 hat der Terror in Israel wieder zugeschlagen. Beide kommen aus derselben Weltgegend im Geist, wenn man die Geographie des Terrors psychologisch global betrachtet.

Jedenfalls handelt es sich um dieselbe Ideologie und Mentalität. Sie ist Andersdenkenden völlig unverständlich, so unvorstellbar, dass man immer wieder versucht, sie rational hinweg zu erklären. Oder in gewissen Kreisen sogar zu verstehen.
Mit der scheinbaren Entmachtung von Jassir Arafat hatte die westliche Welt - so weit sie ihn nicht weiter hofierte - schon Mut gefasst, man hoffte auf einen Ausgleich, und auch in Israel sah man die Entwicklung mit vorsichtiger Zuversicht. Drei Wochen lang war es relativ ruhig. Aber das Gewaltniveau war nur vorübergehend etwas gesunken, die Hamas hat derzeit, von Jassir Arafat nur locker im Zaum gehalten, wieder das Sagen, und dem Terrorverband ist es gelungen, die Region neuerlich in ein Meer von Blut zu stürzen. Jede Aussicht auf einen Ausgleich scheint sie darin ertränken zu wollen.

Am 19. August hatte sich der schreckliche Anschlag auf den Bus in Jerusalem mit 22 Toten ereignet, dann herrschte drei Wochenlang relative Ruhe. An diesem Dienstag schlug aufs Neue der Terror zu. Um 17.40 Uhr am Dienstag, in Zrifin, an der Bushaltestelle, detoniert die lebende Bombe in der Gruppe von Soldaten, um 23.30 Uhr folgt in Jerusalem der Anschlag in dem voll besetzten, mit fröhlichen Menschen bis zum letzten Platz gefüllten Cafe Hillel: Und wieder das Heulen der Sirenen von Rettungswagen, wieder die kurze Totenstille mit dann einsetzenden Schreckens- und Schmerzensschreien, wieder der grausige Anblick von zerfetzten Körpern, hier ein abgetrennter Fuß noch im Soldatenstiefel, dort ein Bein des Terroristen, überall Blut und Fleischfetzen, zertrümmertes Gerät, zerrissene, blutgetränkte Kleidung, Nägel, Schrauben und Glasscherben, das ganze wohlbekannte Arsenal des Schreckens.
Und wieder akzeptiert man im Ausland die Erklärung, es handele sich "nur" um "verständliche" palästinen-sische Racheakte für die Liquidierung von Hamas-Terroristenführern, also gewissermaßen um legitime Vergeltung. Die vorbeugende israelische Beseitigung eines marschbereiten palästinensischen Selbstmordattentäters wird im Ausland nicht als Notwehr angesehen.

Aber die Welt wird einsehen müssen, dass die Schuldzuteilung gerecht und nicht einseitig sein muss. Denn für die Terroristen ist es eine Ermunterung, wenn die Außenwelt ihre Argumentation akzeptiert, und die lautet immer wieder: Sie sind im Recht, Israel ist immer "verbrecherisch" und im Unrecht.

Das Erschreckende ist dabei die wachsende Radikalisierung nicht nur der Palästinenser, sondern auch der Israelis. Das kann man unter anderem in den nächtlichen Radiosendungen, mit Publikumsäußerungen feststellen. "Unsere Barmherzigkeit ist eigentlich Grausamkeit!" stellte zum Beispiel ein Radio-Talkshow-Gast in der Nacht auf Donnerstag im israelischen Rundfunk fest. "Würden wir noch" härter zuschlagen, so würden sie es sich überlegen, nochmals solche Aktionen zu unternehmen. Also alles kurz und klein schlagen!" "Ich will keine Rache", fügte der Mann auf den Einwand des Moderators hinzu, "ich will nur überleben."

Überleben heißt aber nicht alles zerbrechen, sondern endlich gegen die Mentalität des Terrors, der sich immer mehr verbreitet, die Oberhand gewinnen. Er wird allmählich zur Weltgefahr und Weltepidemie. Er kann überall und jederzeit zuschlagen, auf Hochhäuser, Flugzeuge oder Massenversammlungen. Kann die Welt denn so noch weiterleben? Diese Mentalität war es, die den unsäglichen Anschlag in New York vor zwei Jahren heraufbeschwor, als sich in immer noch unverständlicher Todesdisziplin die Entführer von gleich vier Passagierflugzeugen gemeinsam in einen schrecklichen Tod stürzten. Mehr als 3000 unschuldige Menschen mussten sterben. Wozu? Weshalb? Warum? Diese Frage ist noch immer nicht beantwortet, so spitzfindig auch alle möglichen Kommentatoren sie auszulegen versuchen.

Der im "alten Europa" weiter vielgeschmähte und mit Häme überhäufte US-Präsident George W. Bush hat seit dem 11. September 2001 erkannt, dass der Terror ein weltweiter Alptraum ist, die Befreiung von ihm unverzichtbar, unteilbar wie die Demokratie, und dass der Kampf gegen dieses neue Urübel unablässig sein muss und den Einsatz aller Kräfte der gesamten gesitteten Menschheit erfordert. Die aber lässt sich teilweise weichreden, einer Gehirnwäsche unterziehen, zudem die Menschen mit starren Vorstellungen nicht verstehen, dass alte Begriffe auf die neue Situation nicht mehr anwendbar sind.

Leitartikler schrieben dieser Tage, Hamas brauche die israelischen Gegenaktionen wie die Luft zum Atmen. Die israelischen Liquidierungen terroristischer palästinensischer Führer, die noch dazu dabei oft heil und ganz davonkommen, weil Israel sich scheut, einen ganzen Häuserblock niederzuwalzen, fordern immer wieder auch unschuldige Opfer. Das wieder heizt die Gemüter auf, stachelt den Rachedurst an, den die Hamas und der Dschihad mit Blut zu löschen versuchen. Damit schließt sich genau jener endlose Teufelskreis und entsteht jene sich hochschaukelnde Eskalation, die die extremistischen Palästinenser für die Erfüllung ihrer Herrschaftsansprüche brauche.
Auch in der palästinensischen Bevölkerung waren bereits Zweifel aufgetaucht, ob das so weiter gehen kann. Die letzten relativ ruhigen Wochen wurden auch vom durchschnittlichen palästinensischen Menschen als eine Erleichterung empfunden. Doch das passt weder Hamas noch Dschihad in den Kram, denn sie können nur in einer ständig gärenden revolutionären Atmosphäre ihre Machtziele verfolgen. Hamas ist eine Volksbewegung, sie lebt von der Zustimmung ihres Publikums, und dieses Publikum verlangt Rache, wenn Israel einen der Untäter liquidiert und vielleicht auch Unschuldige getroffen hat. Jeder hat ja auch Familie, fühlt sich im Recht, und verlangt nach Blutrache für den vom Feind Getöteten, obwohl es andererseits als ehrenvoll gilt, sich selbst zu töten, wenn man dabei möglichst viele Feinde mitreißt. Wie so viele Geheimnisse aus der Tiefe der Volksseele hat auch dieser Widerspruch keine Erklärung.
Hamas hat nach dem letzten israelischen Liquidierungsversuch, der noch dazu für das Ziel im Fadenkreuz, Achmed Jassin, glimpflich ausging, überdimensionale Rache geschworen. Einen. Einen solchen Mega-Akt kann die Organisation nicht liefern, aber das, was sie kann, tut sie - es ist, schauerlich genug, immer wieder dasselbe: heimtückisches Anschleichen in israelischer Verkleidung, um sich dann inmitten einer ahnunglosen Menschenmenge womöglich noch lächelnd in die Luft zu sprengen! Wenn dabei ein hochverdienter Arzt wie Dr. David Appelbaum, 50, in Detroit geboren, in Cleveland aufgewachsen, ein Menschenfreund und Heiler, und seine 20-jährige Tochter Nava am Vorabend ihrer Hochzeit im Cafe das Leben lassen, findet die Hamas das offensichtlich wunderbar.

Wenn die Terroristen glauben, den Israelis den Lebensmut nehmen zu können, sind sie im Irrtum. Das Leben geht weiter. Das Cafe ist danach geschlossen und weinende Menschen legen davor Blumen nieder und zünden Kerzen an. Aber rundum sind andere Cafes, die vielleicht in diesen Tagen weniger Gäste haben, aber nicht schließen. Im Radio machte sich schon am nächsten Morgen eine Munterkeit der Moderatoren bemerkbar, die sogar bei manchen Zuhörern Anstoß erregte. Man kann das dämpfen, muss es aber nicht verurteilen. Das Leben muss weitergehen.

Kann Israel den Rat befolgen, auf weitere Angriffe zu verzichten? Nicht, solange Warnungen geplanter Terrorattacken vorliegen. Es besteht ein irrwitziger Wettlauf zwischen den israelischen Verteidigungskräften einschließlich der Luftwaffe und den Terroristen, die unaufhörlich neue Sprengsätze zusammensetzen und versuchen, auch an raffiniertere Waffen zu gelangen. Bekannt ist, dass man bereits Angriffe aus der Luft mit in Saudien entführten Flugzeugen auf israelische Hochhäuser befürchtete. Nur dass da ja die israelische Luftwaffe noch dazwischen steht...

New York beging in dieser Woche gedämpft und würdig den Gedenktag an jenes Unvorstellbare, dass vor nur zwei Jahren geschah. In Israel zog man gleichfalls die Bilanz und fragte sich nach dem Gleichgewicht zwischen Schrecken und Zuversicht, Optimismus und Pessimismus. In dieser Woche, meinte ein Kommentator der Zeitung "Maariv", habe der Pessimismus die Oberhand gewonnen. Aber man kann sich auf die Israelis mit ihrem 2000-jährigen Überlebenswillen verlassen, dass schon am nächsten Morgen, mit der Heimkehr des Ministerpräsidenten Ariel Scharon von seinem trotz allem triumphalen offiziellen Besuch in Indien, samt Aussicht auf ein

Milliarden-Dollar-Exportabkommen, wieder die Hoffnung siegt. Aber damit es besser wird, ist es nötig, dass auch die westliche Welt die Lage richtig sieht und nicht vor dem blutigen Terror den Kopf einzieht und in den sprichwörtlichen Sand steckt.

 
weiter >

Die DIG Frankfurt auf Facebook

Folge digfrankfurtnet auf Twitter

Informationen

inlogo.gif
Tageszeitung in deutscher Sprache

Chefredateurin:
Alice Schwarz-Gardoz

Abonnementabteilung:
Israel Nachrichten Eran-Re`ut GmbH
POB, 28397
61283 Tel Aviv

Tel.: +972-3-5376317
oder +972-3-5371533,
Fax: +972-3-6877142

Ansprechpartnerin:
Helga Müller