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Samstag, 13. März 2010 (27. Adar 5770)
Ist die Intifada am Ende? Für und gegen Krauthammer

Während noch die Wogen hochgehen und die Meinungen hart aneinander prallen, was den Entflechtungsplan des Ministerpräsidenten Ariel Scharon und das Gerichtsurteil bezüglich des Sperrzauns in Jerusalem betrifft, haben Publizisten begonnen, ihrerseits über die Meinung eines Kollegen zu streiten. Es geht um den viel zitierten, auch in diesem Blatt schon erwähnten Artikel des bekannten amerikanischen Publizisten Charles Krauthammer, der vor einiger Zeit erklärte, Israel habe den Kampf um den Intifada-Konflikt gewonnen.

In Kriegen pflegten beide Seiten einen Sieg zu proklamieren, so lange es keine realen, greifbaren Beweise für das Gegenteil gibt, aber wenn eine dritte Seite eingreift und ein Urteil fällt, dann lässt das viele aufhorchen. Und so hat denn der Artikel Krauhammers Wellen geschlagen und ist in den meisten israelischen Zeitungen, allen voran "Jerusalem Post", die ihn wörtlich veröffentlichte, und insbesondere im "Haaretz" ausführlich besprochen worden. Wenn auch die Politiker die Sache weniger ernst und zur Kenntnis nahmen.

Krauthammer bringt einige gute Argumente vor. "Während niemand hinschaute, hat sich im Nahen Osten ein historisches Ereignis zugetragen", schrieb er. "Die Intifada ist vorbei, und die Palästinenser haben verloren."

Der Publizist meint, die Israelis hätten einen strategischen Sieg errungen, und die Intifada sei praktisch beendet. Das bedeute nicht, dass der Terrorismus vorbei ist. Aber diesen habe es vor der Intifada gegeben, und den werde es auch weiterhin geben. "Was aber geschehen ist, das ist die Erscheinung der Tatsache, dass der systematische, regelmäßige, lähmende und unaufhaltsame Terror aufgehört hat - der Terror als eine verlässliche, nicht zu bekämpfende Waffe."

Ein Kommentar im Haaretz meint dazu, die neuesten Daten würden scheinbar Krauthammers These bestätigen. Dieser Tage erklärte ein hoher israelischer Offizier, dass die Gesamtzahl der Selbstmordattentate in der ersten Hälfte des Jahres 2004 um 75% gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres zurückgegangen ist. Nicht weniger als 58 prospektive Selbstmordattentäter seien in dieser Zeit verhaftet worden, mehr als 100 Attentatsversuche konnten verhindert werden. Zudem zeigt sich zum ersten Mal seit überblickbaren Menschengedenken die Tendenz bei der palästinensischen Behörde, Terrorismus zu verhindern. Die Behörde hat erstmals die Zahlungen an den Fond der mit der Fatach verbundenen El Aksa-Märtyrer-Brigade eingestellt.

Diese Daten waren umso eindrucksvoller angesichts der Tatsache, dass die Hamas-Kommandanten wildwütig zur Rache für die Tötung ihres Gründers Scheich Achmed Jassin im März und dessen Stellvertreters und Nachfolgers Abdel Asis Rantisi einige Wochen später entschlossen waren. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Araber aus dem Westjordanland und aus dem Gazastreifen, die ihre Unzufriedenheit mit der Intifada zu äußern wagen. Mehr als 50% der Befragten bei einer Ermittlung ließen durchblicken, dass sie nicht mehr an die Intifada als Mittel zur Durchsetzung ihrer nationalen Aspirationen glauben. Der Haaretz-Kommentator meint aber, das sei als Beweis für das Ende der Intifada nicht überzeugend , da auch 70% der befragten Palästinenser die Selbstmordattentate guthießen.

Der Redakteur des Haaretz für arabische Angelegenheiten Danny Rubinstein machte geltend, die Palästinenser hätten die Unterstützung der Welt verspielt, als sie begannen, das Schlachtfeld in die Busse, Cafés und Einkaufszentren zu verlegen. In der Welt, in Washington, in Europa, hätten die Palästinenser damit die Sympathien verloren. Vor allem hätten sie aber das israelische Verständnis für ihre Sache und ihr Leiden und für den Friedensprozess vertan, so weit es immer noch unterschwellig vorhanden war. Infolgedessen hätten die Palästinenser erkannt, dass Israels Armee heute in den Gebieten "fast alles tun kann, was sie will."

Die Israelis würden zwar sehen, dass die Palästinenser leiden, sie haben ihre Arbeit verloren, die Kinder können nicht zur Schule gehen, der Schutzzaun engt ihre Wirtschaft und ihr Alltagsleben ein, "aber wir die Israelis, werden nicht mehr in unseren Bussen und Strassen bombardiert und getötet".

Laut Krauthammer hat Israel einen strategischen Sieg errungen, "weil die Intifada nicht ihr Ziel erreichte, Israel zu demoralisieren, seine Wirtschaft zu zerstören, es in die Knie zu zwingen und zum Rückzug und der Kapitulation vor den palästinensischen Forderungen zu zwingen", so wie es sich im Jahr 2000 aus dem Libanon zurückzog.

Aber Rubinstein unterstellt, dass die Wahrheit komplizierter ist. Viele Palästinenser mögen eingesehen haben, das ihre Attacken gegen israelische Zivilisten ihrer Sache geschadet haben (doch auch das kann man anzweifeln!); sehr viele sehen jedoch die Attentate als Erfolg, insbesondere weil die israelischen Straffeldzüge weiteren Zorn im Gazastreifen und Westjordanland erregt haben, was den Rachedurst steigert. So Rubinstein.

Die Palästinenser glaubten, in den Selbstmordattentaten "die Atombombe der Armen" gefunden zu haben. Um die Intifada wirklich zu beenden, müsste man sie zum Umdenken bringen. Allerdings weiß auch Rubinstein nicht , wie man das macht. Man wird wohl mit großer Geduld wieder von vorne anfangen müssen; vielleicht beim "Marshall Plan" von Stef Wertheimer, denn ohne die Herzen zu gewinnen, wird auch kein Friede und kein wirkliches Ende der Intifada zu bewirken sein.

 
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