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Dienstag, 9. März 2010 (23. Adar 5770)
Erste Anzeichen von Erkenntnis

Nach einer Phase relativer Ruhe ist mit den Anschlägen von Beer Sheva die Angst vor dem Terror zurückgekehrt. Da das Ziel der Anschläge in einem Gebiet liegt, das noch nicht durch den vielfach kritisierten Sicherheitszaun von den palästinensischen Gebieten getrennt ist, wächst in Israel die Überzeugung, dass der Zaun für die Sicherheit des Landes unabdingbar ist. Alice Schwarz sieht in der Berichterstattung in den eher regierungskritischen Medien "erste Anzeichen der Erkenntnis".

In die Trauer, in den Zorn, in die Empörung über die neuerlichen Anschläge, die Doppel-Tragödie von Beer Schema mischte sich bei vielen Israelis gestern so etwas wie eine bittere Genugtuung. Endlich beginnt man im Ausland zu verstehen, dass Israel den Schutzzaun braucht.

Nach dem immer gleich lautenden Chor der heuchlerischen oder verständnislosen Bemerkungen, scheinheiligen oder sogar auch echten, aber seichten Beileidskundgebungen nach Selbstmordanschlägen war diesmal ein Aufleuchten echten Verstehens wahrzunehmen. Allen ist es aufgefallen. Die große Schlagzeile einer israelischen Massenzeitung, des "Maariv", verkündete: "Weil dort kein Schutzzaun war!" Das hat seine Wirkung nicht verfehlt.

So blind, so taub war fast keiner. Kaum eine ausländische Publikation, von Erzfeinden etwa abgesehen, die das nicht zur Kenntnis nahm. Noch gehen sie nicht so weit, die Lächerlichkeit des Urteils von Den Haag gegen den Schutzzaun herauszustellen. Aber sie zitieren wenigstens die israelischen Erklärungen. Verständnis der Lage ist der erste Schritt zur Besserung.

Man kann sich eine gewisse Befriedigung nicht versagen. Auch im eigenen israelischen linken Lager beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen. Nachdem man sich monatelang, wenn nicht jahrelang als ziemlich einsamer Rufer in der Wüste gegenüber anderen Kollegen fühlte, kann man jetzt lesen, dass sogar der "oHaaretz" neue Töne anschlägt. Unter der Überschrift "bewundernswerte Entschlossenheit" ließ sich in diesem kritischen Blatt ein anonymer Leitartikler diese Woche zu einem wahren Lobgesang für Scharon hinreißen. Die beiden blutigen Schläge, so die Zeitung, erinnern daran, dass die Pause im Terror nur eine zwar willkommene, aber vorübergehende Erscheinung war. Die perverse Form des palästinensischen Kampfes müsse eindeutig verurteilt werden. Ministerpräsident Ariel Scharon sagte dennoch, dass der Kampf gegen den Terror zwar weitergehen muss, aber nicht auf Kosten von Aktionen, die die Reibungsflächen zwischen den beiden Seiten verkleinern könnten. Der Entflechtungsplan geht weiter.

'"Der Zweck des Entflechtungsplans ist in erster Linie die Kürzung der Grenzlinien zwischen Israel und dem Gazastreifen und dem nördlichen Westjordanland", schreibt das Blatt. "Wenige Stunden vor dem Anschlag in Beer Schewa präsentierte Scharon der Likudfraktion in der Knesset einen eng gedrängten Fahrplan der Entflechtung... Die Grundsätze werden am 14. September dem Sicherheitskabinett vorgelegt. Bis Monatsende wird ein Memorandum dem Kabinett unterbreitet, bis Ende Oktober soll es verabschiedet und der Knesset präsentiert werden.

Scharon erklärte, dass er trotz der Widerstände der Rechten und großer Teile seiner eigenen Partei entschlossen ist, den Plan durchzuziehen. Finanzminister Benjamin Netanjahu und Unterrichtsministerin Limor Livnat zerrten ihn deswegen über glühende Kohlen. Sie verlangten einen Rückzug in Etappen. Das würde die Möglichkeit einer Spaltung der Nation verkleinern. Scharon habe klargestellt, dass er nicht die Absicht hat, seinen Plan zu verwässern. Und das Blatt wird ekstatisch:

"Wie bei der Entlassung von zwei Rechts-Ministern und in seinen Erklärungen am Tag nach seiner Niederlage in der Likud-Generalabstimmung zeigte Scharon wieder seine Tapferkeit und eine bewundernswerte Entschlossenheit, an einem Plan festzuhalten, der für Israel so entscheidend ist." Und das Blatt fährt fort, auch von Scharons Kollegen ähnliche Eigenschaften zu fordern.

Vielleicht ist es kindisch, aber wir können uns nicht enthalten zu bemerken: Das haben wir schon lange gesagt: Die blinde Voreingenommenheit, die auch kluge Menschen befällt, wenn es um ihre politischen Überzeugungen und ihr Weltbild geht, ist grenzenlos.

Vor uns liegt ein ausgezeichnetes Buch, geschrieben von einem ausgezeichneten Mann: Israels Exbotschafter in Deutschland Avi Primor. Es ist klug und von großer analytischer Klarheit und beleuchtet den Nahost- konflikt von vielen Aspekten her, in vielen Punkten durchaus richtig. Sein Fehler liegt in seinem Titel und der damit verbundenen Prämisse. Es heißt "Terror als Vorwand"! Und es will genau das beweisen: Dass manche Politiker - vor allem George W. Bush und auch in etwa Ariel Scharon - den Terror benutzen, um ihre eigenen Ziele und Ideen zu fördern. [...]

Terror als Vorwand - das glauben wir nicht - nicht einmal von Bush und erst recht nicht von Scharon. Auch gescheite Leute können irren, wie auch Primor, der zum Beispiel in dem Buch behauptet, die Türken hätten einst Wien erobert. So weit wir wissen, haben sie es zweimal vergeblich belagert.

Jeder Mensch und jeder Politiker ist fehlbar. Das Malheur beginnt erst, wenn Ideologen sich für unfehlbar halten. Den Terror wird man wirksam erst bekämpfen können, wenn die Schimäre beseitigt ist, dass ein Scharon oder auch ein Bush ihn als Vorwand für irgendwelche Machtträume verwendet - und damit vielleicht insgeheim fordert? Liegt dann doch nahe...

 
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