DIG Arbeitsgemeinschaft Frankfurt
 
Samstag, 13. März 2010 (27. Adar 5770)
Besser ohne Arafat

Alice Schwarz blickt auf das Leben des am 11.11.2004 verstorbenen Palästinenser-Präsidenten Yassir Arafat zurück. Ihr Fazit: "Da es schlechter nicht werden kann, wird es ohne Arafat sicher besser". Lesen Sie in diesem Zusammenhang bitte auch die Presseerklärung des Präsidenten der DIG anlässlich Arafats Tod.

Für die Palästinenser war er eine Vatergestalt, für Israelis abwechselnd ein Schreckgespenst, ein Hoffnungsträger und wieder ein Schreckgespenst. In den letzten Tagen füllt er die Seiten der israelischen Boulevardzeitungen und die Nachrichtensendungen mit seinen letzten Atemzügen. Dabei war es letzthin schon still geworden um Jassir Arafat Nur dass er ein politisches Stehaufmännchen war und sogar eine Flugzeugnotlandung in der Wüste überstehen konnte, wusste man noch. Aber mehr und mehr begann sich auch bei den Palästinensern Verächtlichkeit in die frühere Achtung vor dem "Vater der Nation" zu mischen. Nur jetzt, am Ende, erweckt die Sterblichkeit des einstigen Idols wieder palästinensische patriotische Gefühle.

Jetzt ist die Ära Jassir Arafat zu Ende, und da das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern kaum schlechter werden kann, könnte es irgendwann bald wieder besser werden.

Man macht sich kaum noch einen Gedanken darüber, wie abenteuerlich die Stationen dieses Lebens waren.

Geboren in Kairo, log er sich Jerusalem als Geburtsort zurecht, um seinen Mythos auszubauen. Reserveoffizier im Sinaikrieg von 1956, kämpfte er auf ägyptischer Seite gegen Israel. Danach lebte er als Bauingenieur in 1965 die palästinensische "Befreiungsbewegung" Fatah. Sie wurde in die PLO (Palestine Liberation Organisation) aufgenommen, deren Führung er 1969 übernahm, 1970/71 versuchten seine "Guerillatruppen" vergeblich, Jordaniens König Hussein zu stürzen und wurden im "Schwarzen September" vom Monarchen mitleidslos vertrieben. Israel gestattete ihnen die Durchfahrt in den Libanon und handelte sich damit ein Problem ein. Im Libanon brach der Bürgerkrieg aus.

Obwohl Arafats Getreue sich im Terror üben, die ersten Flugzeugentführungen stattfinden und 1972 der infame Überfall auf die israelischen Athleten bei der Olympiade in München die Welt erschüttert, kann Arafat 1974 - nach der Anerkennung der PLO durch die arabischen Staaten als einzige Vertreterin der Palästinenser - erste politische Erfolge einheimsen. Er darf erstmals vor der UN-Vollversammlung sprechen - mit der traditionellen Kopfbedeckung und einem Pistolenhalfter am Gurt.

1982 versucht Ariel Scharon vergeblich, den Libanon zu befreien. Immerhin wird Arafat gezwungen, das Zedernland zu verlassen. Er setzt sich nach nach Tunesien ab. Fast ist er arriviert. Nicht nur Bruno Kreisky, - auch Papst Johannes Paul IL empfängt ihn.
Ein Jahr nach Beginn des ersten Palästinenseraufstands (Intifada) ruft Arafat 1988 in Algier den Staat Palästina aus und erkennt das Existenzrecht Israels an. Vor den UN plädiert er für eine Friedenslösung, aber in arabischen Kreisen gibt er deutlich zu erkennen, dass er wie einst der Prophet Mohammed einen .solchen Vertrag zu brechen bereit wäre. Den nächsten Fehler begeht er im Golfkrieg von 1990/91, indem er sich gegen die Weltmeinung auf die Seite des irakischen Staatschefs Saddam Hussein stellt
Inzwischen kommt er nicht weiter und beschließt, zur List zu greifen: Er besiegelt 1993 mit Israels Regierungschef Jitzchak Rabin und US-Präsident Bill Clinton das erste Autonomieabkommen. Dafür erhält Arafat 1994 mit Rabin und dem israelischen Außenminister Schimon Peres den Friedensnobelpreis. Arafat kehrt nach 27 Jahren in die angebliche Heimat seiner Eltern Palästina zurück. 1995 wird Arafats Partner im Friedensprozess Rabin wenige Wochen nach Unterzeichnung des Oslo-Abkommens über die Ausdehnung der Autonomie von dem jüdischen Extremisten Jigal Amir ermordet
Wie waren wir Israelis da noch ahnungslos! Um diese Zeit hatte Arafat rotz der ersten Selbstmordanschläge eine gute Presse. Er wurde von vielen Israelis als Friedenspartner ernst genommen. Nach der Beisetzung Rabins stellt ihm die israelische Armee einen Hubschrauber zur Verfügung, damit er Lea Rabin in Tel Aviv einen Beileidsbesuch abstatten kann...

1996 finden die ersten palästinensischen Wahlen statt und Arafat wird in echt orientalischer Despotenform mit gut 87 Prozent der Stimmen zum Präsidenten der Autonomiebehörde bestimmt 1998 legt ein in den USA geschlossenes Abkommen den weiteren Rückzug Israels fest Aber nichts Konkretes geschieht, denn Arafat spielt weiter die Karten der Verschleppung aus und gerät zudem intern wegen Misswirtschaft unter Druck. Inzwischen hat er noch einmal Gelegenheit, mit einem rechtsgesinnten israelischen Regierungschef zu verhandeln. Benjamin Netanjahu (Likud) fährt voll auf ihn ab. Die israelische Presse witzelt, die beiden hätten sich wie ein Liebespaar betragen. Doch zwischen den "Liebenden" kriselt es bald, Arafats Heißhunger nach "allem oder nichts" bringt den Bruch. Im Jahr 2000 schließlich scheitert in Camp David ein letzter Versuch des US-Präsidenten Bill Clinton, Arafat und den israelischen Regierungschef Ehud Barak zu einem Friedensvertrag zu bewegen. Arafat stellt unerfüllbare Forderungen, alle großzügigen Angebote Baraks sind ihm zu wenig. Der Besuch des späteren Barak-Nachfolgers Ariel Scharon auf dem Tempelberg bietet ihm die handliche Ausrede, die zweite, blutigere und schrecklichere Intifada auszulösen. Nach zahlreichen Selbstmordattentaten und israelischen Militäraktionen bricht Israel 2001 den Kontakt zu Arafat ab.

2002 erklärt Scharon Arafat offiziell zum 'Feind Israels". Die Regierung beschließt, Arafat nach den jüngsten palästinensischen Terroranschlägen auf Israelis völlig zu isolieren. Die folgenden Jahre verbringt er praktisch unter Hausarrest in Ramallah.

Wie wird es ohne Arafat weitergehen? Wie wird sein Volk den Verlust des Fetisches und der Vatergestalt überwinden? Wird die Kampfmüdigkeit größer sein als die krankhafte Sucht der Suche nach einem Feindbild, das man unbedingt unter Selbstaufgabe bekämpfen muss? Fragen über Fragen.

Aber klar ist, dass Arafat einfach nicht fähig war, Frieden zu schließen. Arafat regierte nicht, er drohte, raubte und bestach. Mit all seinem angeblichen Charisma und dem ungeheuren Talent zur Reklame und Propaganda war der Mann, der log, wie ein anderer atmet, und der verriet, wie ein anderer Wasser trinkt, als Lebensnotwendigkeit, eine Katastrophe. Für alle Beteiligten.

Da es schlechter nicht werden kann, wird es ohne Arafat sicher besser.

 
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