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Sonntag, 5. Februar 2012 (12. Shevat 5772)
Anti-Terror-Zaun oder Apartheid-Mauer?

Bis Sommer 2005 sollen etwa 700 km Zaun, Betonmauern und Stacheldrahtverhaue Israel vom Westjordanland trennen. Seit Juni 2002 sind etwa 120 km fertiggestellt worden, entlang der "grünen Linie" (Waffenstillstandslinie von 1949). Das Bollwerk zieht sich vom Norden bis in die Gegend von Tel Aviv. Weil die Einbeziehung der Siedlerstadt Ariel umstritten ist, wurde ein "Loch" gelassen.

Am Ende soll der Sicherheitszaun zum Preis von etwa 3 Millionen Euro pro Kilometer das Westjordanland umgeben. Ein Plan, innerhalb des Westjordanlandes die arabisch besiedelten Gebiete mit einem Zaun vom Jordantal abzutrennen, dürfte nicht verwirklicht werden, mangels Geld, wegen internationaler Kritik und Widerständen in Israel.

Nur an wenigen Stellen, über eine Länge von 8,5 km, steht eine Betonmauer. Sie ist so hoch, dass Scharfschützen von palästinensischen Häusern aus nicht auf Doppeldeckerbusse auf einer neuen Autobahn schießen können. Diese Mauern sind dank einer professionellen palästinensischen Kampagne zum Symbol des Sperrwalls geworden. Doch steht die Mauer größtenteils auf israelischem Gebiet oder auf der grünen Linie und nur zu einem geringen Teil auf "palästinensischem" Gebiet, also in dem von Israel besetzten Westjordanland. Auf der Trasse zwischen Kalkilja und Tulkarem zieht sich der Zaun in Schlangenlinien durch eine Hügellandschaft. Mehrere Siedlungen liegen auf der "israelischen Seite", während arabische Dörfer "ausgesperrt" bleiben. Strategische Hügel mit Blick auf das Ballungsgebiet um Tel Aviv wurden für Palästinenser unzugänglich gemacht.

Nahe dem internationalen Flughafen soll der Zaun so weit ins besetzte Gebiet hineinreichen, dass startende oder landende Flugzeuge außerhalb der Reichweite von Handfeuerraketen bleiben. In den siebziger Jahren versuchten deutsche RAF-Mitglieder und palästinensische Freischärler, israelische Zivilmaschinen abzuschiessen. Zuletzt scheiterte ein derartiger Versuch der EL Qaeda in Kenia im November 2003.

Die Sperranlage ist fast hundert Meter breit. Vor einem Graben gegen Autos liegen Stacheldrahtrollen. An einem Maschendrahtzaun sind Hitze- und Berührungsdetektoren angebracht. Angeblich können sie sogar zwischen Mensch und Tier unterscheiden. Beiderseits einer zweispurigen geteerten Patrouillenstraße können Fährtensucher auf geharkten Staubwegen Fußspuren der Eindringlinge ausmachen. Sowie in Kontrollzentralen Alarm ausgelöst ist, werden Patrouillenfahrzeuge zu der Stelle geschickt. Alle hundert Meter ist eine Nummer am Zaun angebracht, zwecks Lokalisierung. In mehreren Metern Entfernung stehen auf Hügeln Masten mit hochauflösenden Kameras. Die können per Infrarot und "Video-Bewegungs-Analyse" jede Änderung in der Landschaft ausmachen.

Oberstleutnant Schai sagte während einer Pressetour: "Der Zaun ist nicht elektrisch geladen. Es gibt keine Selbstschussanlagen, keinen Todesstreifen und keine Minen." Da das Bollwerk leicht überwunden werden kann und die israelische Armee nicht das Personal hat, alle hundert Meter einen ständig bemannten Wachtturm aufzustellen, wie es seinerzeit die DDR entlang der innerdeutschen Grenze tat, wird freies Land als "Pufferzone" benötigt, um Eindringlinge dingfest machen zu können. "Bei dem arabisch-israelischen Dorf Taibe oder bei Kochav Jair stehen die letzten Häuser auf der grünen Linie. Da könnte ein Terrorist innerhalb von Sekunden den Zaun überwinden, bei Helfern in Taibe verschwinden oder seine Bombe in einem jüdischen Haus in Kochav Jair zünden." Der Offizier rechtfertigt aus militärischer Sicht den Verlauf des Bollwerks Hunderte Meter tief im Westjordanland.

Die Einbeziehung von grenznahen Siedlungen ist von der Regierung wohl eher politisch motiviert. Der Oberstleutnant klagt, dass der Zaun "länger als nötig" geworden sei. Andererseits sei ein durchgehender Zaun leichter zu verteidigen als separate Bollwerke um jede Siedlung. Ein Abbau von Siedlungen, wie es Scharon für den Gazastreifen vorgeschlagen hat, kommentiert der Offizier nicht:; "Für Politik bin ich nicht zuständig."
"Weil wir den Anti-Terrorwall schnell bauen mussten, um den Terror einzudämmen, haben wir Fehler gemacht", gesteht er. So wurde das ehemals geteilte Grenzdorf Baka mit einem Zaun von den palästinensischen Gebieten abgeschnitten. Am Sonntag war die Mauer quer durch das Dorf auf der grünen Linie fertig. Nun wird der Zaun östlich des Dorfes wieder demontiert. Das israelische Baka (west) und das palästinensische Baka (ost) werden dann wieder geteilt sein, wie während der jordanischen Besatzung zwischen 1949 und 1967. Familienbande werden wieder zerschnitten, die "Ossis" werden nicht mehr ungehinderten Zugang zu Arbeit in Israel haben.

"Dutzende Paare sagten ihre Hochzeit ab, weil der palästinensische Partner nicht nach Israel übersiedeln darf, und der israelische Partner nicht auf die Vorzüge des Lebens in Israel verzichten will", erzählt ein palästinensischer Geschäftsmann, dessen Häuser und Grundbesitz in der Nacht von Sonntag auf Montag im Wert verloren, von 12 Millionen Dollar auf nur noch 2 Millionen. Seine israelischen Schwestern und Brüder wird er künftig nur noch im Ausland treffen können. Immerhin hat Israel dann an dieser Stelle dem "internationalen Recht" Genüge getan, wie es die Palästinenser für den gesamten Verlauf der "Apartheidmauer" fordern.

Während die Palästinenser über unsägliche Erschwernis für Bauern im Grenzgebiet klagen, weil sie von ihren Feldern abgeschnitten wurden, betonen die Israelis das Bedürfnis, ihre Bevölkerung vor Terroranschlägen zu schützen.

 
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