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Erklärung des Präsidenten der DIG, Dr. h.c. Johannes Gerster, zum 9. November
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 organisierten die Nationalsozialisten das Pogrom gegen die jüdischen Bürger in Deutschland. Fast alle Synagogen und mehr als 7.000 Geschäfte, darunter 29 Warenhäuser, wurden zerstört. Über 30.000 Juden wurden verhaftet, fast 100 Personen wurden ermordet. Damit erreichte der Antisemitismus des nationalsozialistischen Staates eine neue Dimension und war zugleich Vorbote der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Der Naziterror kostete 6 Millionen Juden in Europa das Leben.
Die Erinnerung an den 9. November 1938 ist heute dringlicher denn je.
Der Antisemitismus wurde nicht von den Nazis erfunden, aber er wurde von ihnen mörderisch perfektioniert. Seine Wurzeln liegen weit davor im bürgerlichen, auch christlichen Antisemitismus.
Heute erleben wir eine erschreckende Erstarkung rechtsradikaler, rassistischer und antisemitischer Tendenzen. Die Zunahme gewalttätiger Ausschreitungen in allen - nicht nur östlichen - Teilen unseres Landes ist auch die Folge einer Belebung alter Vorurteile gegenüber Juden. Dazu werden abenteuerliche Verschwörungstheorien, z. B. über das Weltjudentum, erneut aufgetischt.
Die widerlegbaren, oft gehässigen, einseitigen Schuldzuweisungen gegenüber Israel nehmen zu. Aus Opfern werden Täter gemacht. Fehler der israelischen Politik werden monokausal instrumentalisiert; die Bedrohung der einzigen Demokratie im Nahen Osten durch den Iran, die Hisbollah, die Hamas werden geflissentlich übersehen.
Wir zahlen den Tribut für eine zunehmende Geschichtslosigkeit in unserer Gesellschaft. Wen interessiert schon, was vor 69 Jahren geschehen ist? Wer zieht Schlussfolgerungen aus dem Damals für heute und morgen?
In den Schulen wird "Insel-Wissen" vermittelt. So werden einzelne Ereignisse losgelöst von der Geschichte behandelt, oft ohne Erklärung der Ursachen und Zusammenhänge. Es wird unzureichend vermittelt, wie ein längst verwurzelter Antisemitismus zur Verrohung des Denkens und Handelns führte. Dass sich die Nationalsozialisten den bereits vorhandenen Antisemitismus zunutze machten, ist leider zu Wenigen bewusst.
Heute sind wir damit konfrontiert, dass antiisraelische Haltungen neue und alte antisemitische Stimmungen verstärken. Es wir allzu oft übersehen, dass damit Wasser auf die Mühlen von Rechtsradikalen, Rassisten und Antisemiten geleitet wird.
Wir müssen von pflichtgemäßen und meist folgenlosen Betroffenheitsritualen nach rechtsradikalen Ausschreitungen wegkommen, wir müssen tiefer pflügen. Fangen wir in der Geschichtsvermittlung, in Bildung und Erziehung an. Dazu gehört auch eine wahrheitsgetreue Berichterstattung über die Ursachen des Nahostkonfliktes und eine faire Berichterstattung über die aktuellen Bedrohungen Israels, dem wir uns aus historischen, politischen und moralischen Gründen verbunden und verpflichtet fühlen.
Der 9. November ist ein guter und notwendiger Anlass - im Interesse unseres Landes - energisch gegen einen verbreiteten antiisraelischen Zeitgeist anzugehen.
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